Die Anlagevorschriften in der BVV2 erlauben bereits heute eine grosse Flexibilität. Die Obergrenzen sind nicht starr, sondern können überschritten werden, wenn dargelegt wird, dass die Sicherheit des Vorsorgezwecks gewahrt wird. Die Forderung von Nationalrat Andri Silberschmidt nach Aufhebung der Anlagebegrenzungen wird denn auch in erster Linie von Vermögensverwalterinnen- und verwaltern und der Bankiervereinigung erhoben.

Eines muss man Nationalrat Andri Silberschmidt zu Gute halten: Der Titel seiner Motion sitzt. «Sichere Renten dank umfassend kompetenter Verwaltung der Pensionskassengelder» (21.3017). Sichere Renten: ja, unbedingt. Kompetente Verwaltung der Pensionskassengelder: ja, ist bei über einer Billion Schweizer Franken, die Schweizer Pensionskassen verwalten, zentral. Einzig das Verbindungswort dank ist ein Hinweis, in welche Richtung sein Motionsvorhaben zielt: Es ist ein klammheimlicher Angriff auf die Milizstruktur der 2. Säule und soll das grosse Geschäft, das mit dem Vorsorgekapital der Versicherten schon heute gemacht wird, noch weiter aufbauschen.

Die Motion schafft auf den ersten Blick ein verlockendes Narrativ, wonach mit einer kompetenteren Verwaltung sichere Renten garantiert werden könnten. Konkret soll es in Zukunft statutarische Anforderungen für Stiftungsrätinnen in Sachen Anlagekompetenz geben, um damit höhere Renditen zu erwirtschaften. Prominent flankiert wird diese Stossrichtung von Swisscanto, die in ihren Publikationen stetig das Mehrrenditepotenzial von vielen Pensionskassen wiederholen. Ein willkommener Ausweg aus der verworrenen Situation bei der BVG-Reform also? Ein Befreiungsschlag für die kapitalgedeckte 2. Säule, die in der Tiefzinsfalle steckt? Schön wärs!

Die Frage, welche Kompetenzen Stiftungsrätinnen und Stiftungsräte benötigen, um fundiert Beschlüsse zu fassen, ist legitim. Beim Vorhaben von Silberschmidt reibt man sich aber die Augen, weil die Motion auf einer falschen Vorstellung der Arbeitsteilung im Stiftungsrat, der Geschäftsstelle der Pensionskasse und den externen Beraterinnen und PK-Experten fusst. Denn ebenso wenig, wie von Stiftungsrätinnen erwartet wird, dass sie die finanzielle Lage der Kasse selbst berechnen können, ist von ihnen eine weitergehende Anlagekompetenz gefragt. Der Fokus auf die Professionalisierung der Aktivseite ist vor allen Dingen durchschaubar. Für Aroldo Cambi, Stiftungsrat bei der Symova, ist klar: „Es ist ein Steilpass für die Finanzindustrie, um sich in der 2. Säule noch besser zu positionieren und noch mehr daran zu verdienen.“

Für das PK-Netz ist und bleibt die Aus- und Weiterbildung der Stiftungsrätinnen und Stiftungsräte zentral. Professionalisierungsanforderungen, wie sie Silberschmidt fordert, gehen hingegen in die absolut falsche Richtung. Anstatt die Anforderungen zu erhöhen – es gibt bereits eine ausreichende gesetzliche Grundlage -, braucht es für die Arbeit in einem Stiftungsrat andere Kompetenzen: Ein solides Grundlagenwissen in der beruflichen Vorsorge, das Interesse und die Zeit, sich je nach Ausschuss gezielt weiterzubilden und vor allem Sensibilität und den Mut, die richtigen Fragen zu stellen. «Eine PK-Expertin sowie ein externer Anlageberater müssen mir in einfachen, klaren Worten erklären können, warum bestimmte Szenarien bestimmte Auswirkungen auf die Kasse haben können. Dies gilt bei der Anpassung des Umwandlungssatzes genauso wie bei der Erhöhung des Risikobudgets. Darauf aufbauend können wir als Stiftungsrat Entscheide fällen», formuliert etwa Irène Willi, Stiftungsrätin bei der BVK.

In der Branche weiss man, dass die heutigen Kategorienbegrenzungen keine limitierende Wirkung haben. Mit der Aufhebung der Anlagebeschränkungen werden aber riskantere Anlagestrategien als heute ermöglicht, was das Haftungsrisiko der Mitglieder des obersten Organs erhöht. «Der Ruf von Silberschmidt nach mehr Mut zum Risiko ohne Kategorienbegrenzungen birgt Gefahren, bieten doch die heutigen Bandbreiten eine wichtige Orientierungshilfe. Fallen diese in Zukunft weg, ist dies der wahre Angriff auf die Sicherheit der 2. Säule», verdeutlicht Sandrine Nikolic-Fuss, Stiftungsrätin bei der Swiss Vorsorgestiftung für das Kabinenpersonal.

Die Motion Silberschmidt wurde im Nationalrat angenommen. Demnächst widmet sich die ständerätliche Sozialkommission eingehend der Motion. Die kleine Kammer hat es in der Hand, den Fehlentscheid des Nationalrates zu korrigieren.

Dem heutigen System der beruflichen Vorsorge, wo mittlerweile dreiviertel aller Versicherten in Sammeleinrichtungen versichert sind, wäre besser gedient, wenn Politik, Aufsicht und Sozialpartner zusammen die tatsächlichen Missstände benennen und angehen würden, welche da wären: Nicht oder ungenügend gelebte Parität in vielen Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen, die von der Privatassekuranz oder von Banken mit ganz anderen Interessen als jenen der Versicherten geführt werden. Teilweise exorbitant hohe Gebühren für Administration und Vermögensverwaltung, übersetzte Brokerentschädigungen usw..

 

PK-Netz Kommentar