Es geht hoch zu und her: Die Inflation und steigende Zinsen stellen die langjährigen Narrative zur beruflichen Vorsorge gewaltig in Frage. Die Rendite zehnjähriger Bundesobligationen ist in den letzten Monaten deutlich angestiegen. Ausserdem hat die Schweizerische Nationalbank im September das zweite Mal innerhalb eines Jahres den SNB-Leitzins merklich angehoben (seit 22. September 2022: +0.5%). Auch wenn diese Entwicklungen unmittelbar zu Buchverlusten führen, stehen den Verlusten höhere Renditen bei den neu investierten Mitteln gegenüber. Die Duration des Obligationenportfolios bestimmt für die Kassen die jeweilige Dauer der Erholungsphase. Mit anderen Worten: Mittel- und längerfristig bedeutet die Zinswende voraussichtlich eine Stabilisierung der 2. Säule. Denn mit einem höheren Zinsniveau ist es wieder möglich, ohne zu grosses Risiko die vorgesehenen Verpflichtungen zu erbringen. Und auch die Frage von Leistungsverbesserungen wird an Bedeutung gewinnen.

Die Einbrüche in fast allen Anlagekategorien in den ersten drei Quartalen 2022 (Ø-13.4% seit Jahresbeginn), die mit den weltpolitischen und globalwirtschaftlichen Entwicklungen zusammenhängen, widerspiegeln sich in einer beträchtlichen Absenkung der Deckungsgrade (1.1.2022: Ø 19.9%; 30.09.2022: 102.6%). Dennoch ist das kein Grund zur Panik. Das sehr gute Anlagejahr 2021 (Ø Nettovermögensrendite: 8%) hatte die finanzielle Lage der Schweizer Pensionskassen weiter verbessert. Nach Jahren drastischer Umwandlungssatzsenkungen und minimaler Verzinsungen war die durchschnittliche Verzinsung der Altersguthaben im 2021 mit 3.69% deutlich höher ausgefallen als zuvor. Die meisten Pensionskassen sind also gut für die Umbruchphase aufgestellt. Man darf auch nicht vergessen, dass Portfolios einen langen Anlagehorizont haben und auf Volatilitäten der Finanzmärkte abgestimmt sind. Trotzdem werden selbstverständlich Unterdeckungen, je länger die Renditen im Keller sind, desto realistischer. Stichtag ist der 31. Dezember.

Es stellt sich die Frage, was jetzt auf Kassenebene zu tun ist, um im Interesse der Versicherten auf das neue Umfeld zu reagieren. Sicher ist: Es darf nicht zugewartet werden. Gabriela Medici vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund SGB warnte bereits im Juli 2022 in der Schweizer Personalvorsorge vor einer drohenden Verlierergeneration:

«Nun droht angesichts der Zinswende eine Generation zu Verlierern zu werden, die in den letzten Jahren Zusatzbeiträge bezahlt hat, wenig Zinsen erhielt und mit einem tiefen Umwandlungssatz in Rente ging oder nächstens geht. Wir haben zehn Jahre lang alles heruntergefahren, nun müssen wir schauen, wie wir hier wieder herauskommen.»

Der Leitfaden ist ein Arbeitsinstrument für Stiftungsrätinnen und Stiftungsräte. Als Plattform der Arbeitnehmenden setzt das PK-Netz den Fokus auf das Leistungsniveau und die Beiträge, die für die Versicherten in allen Einkommensklassen zumutbar sein müssen. Oder mit anderen Worten auf das sog. Preis-/Leistungsverhältnis des Vorsorgeangebotes. Mit dieser Perspektive können im Stiftungsrat Anträge gestellt werden, die der jeweiligen altersabhängigen Betroffenheit der Versicherten Rechnung tragen.

PK-Netz Leitfaden  Inflation und steigende Zinsen