Die 2. Säule auf dem Prüfstand: Pandemie und Sozialpartnerkompromiss

Die Tätigkeitsberichte aus den verschiedensten Branchen haben dieses Jahr eines gemeinsam: Corona ist Programm. Kaum ein Arbeitsbereich wird nicht von Corona tangiert, die Frage ist nur in welchem Ausmass. So war auch das PK-Netz Geschäftsjahr 2020 geprägt von der Pandemie. Organisatorisch waren wir gefordert, weil viele Weiterbildungen verschoben werden mussten. Daneben wurde allmählich klar, dass eine physische Durchführung unserer Tagung unrealistisch ist. Schweren Herzens – die PK-Netz Tagung ist schliesslich eine Netzwerk-Veranstaltung – wagten wir es, die Tagung digital durchzuführen. Die vielen sehr positiven Rückmeldungen haben uns bestätigt, den richtigen Entscheid getroffen zu haben.

Auch in turbulenten Zeiten Ruhe bewahren

Wir stehen gesamtgesellschaftlich vor herausfordernden Zeiten. Prognosen waren im Frühjahr 2020 schwierig, als plötzlich praktisch das gesamte wirtschaftliche Leben zum Erliegen kam. Für das PK-Netz war rasch klar, dass für die 2. Säule angezeigt war, auch in turbulenten Zeiten Ruhe zu bewahren. Selbstverständlich musste die Situation an den Finanzmärkten gut beobachtet werden. Allerdings sollten die Pensionskassen auf keinen Fall übereilige Beschlüsse im Anlagebereich fassen, denn die allermeisten Kassen verfügen über langfristige Anlagestrategien mit Zielwerten und Bandbreitenvorgaben. Mit anderen Worten: Das Schiff durfte nicht übersteuert werden, Verantwortung übernehmen hiess grundsätzlich weiterhin an den Anlagestrategien festzuhalten. Diese Strategie war richtig, denn wie wir wissen, erholten sich die Finanzmärkte im Frühjahr schneller als erwartet.

PK-Netz Tagung 2020

Gleichwohl kristallisierten sich stetig neue Fragen rund um die Auswirkungen des Corona-Virus auf die 2. Säule heraus. Das Virus hat den Arbeitsmarkt mächtig durcheinandergewirbelt. Doch mit welchen Konsequenzen für die 2. Säule? Die Zeit war Ende Jahr reif für eine Zwischenbilanz. Das Jahr 2020, geprägt von COVID-19 und dem anhaltenden Reformdruck der 2. Säule, war eine interessante Ausgangslage für die PK-Netz Tagung, die am 2. Dezember 2020 stattfand.

COVID-19 hat die Wirtschaft dramatisch zurückgeworfen. Jan-Egbert Sturm, Direktor KOF Konjunkturforschungsstelle ETH Zürich, veranschaulichte diese Entwicklung in seinem Vortrag eindrücklich. Die wirtschaftliche Erholung ist nach der ersten Welle zwar schnell vorangeschritten, erfahrungsgemäss wird aber das frühere Produktivitätswachstum nicht mehr erreicht. Auch Dank gesunden Finanzen konnte die öffentliche Hand, so Serge Gaillard, Direktor eidg. Finanzverwaltung, Kreditrisiken übernehmen und der Wirtschaft unter die Arme greifen. Wichtig sei jetzt die Rückkehr zur Vollbeschäftigung. Für Gaillard sind die anhaltend tiefen Zinsen ein guter Grund für eine (zeitlich befristete) Umlagekomponente im Rahmen der zweiten Säule.

Die Umlagekomponente im BVG-Reformvorschlag war wie erwartet der Knackpunkt im Podium mit Parlamentarierinnen und Parlamentariern. Reformdruck besteht, darüber war man sich einig. Bei der Frage, welche Kompensationsmassnahmen wie finanziert werden sollen, wurden die politischen Differenzen aber offenkundig. Eingangs hatten Valentin Vogt, Präsident Schweizerischer Arbeitgeberverband, und Pierre-Yves Maillard, Präsident Schweizerischer Gewerkschaftsbund, unterstrichen, dass sie bei den sozialpartnerschaftlichen Verhandlungen den Fokus auf die Leistungsparameter gelegt haben, um einen schlanken Kompromiss zu präsentieren. Heikle Eisen wie etwa das Thema Legal Quote oder Splitting wurden bewusst nicht angetastet. Nur der Sozialpartnerkompromiss löse die Zielvorgaben des Bundesrates (Rentenniveau sichern, Finanzierung stärken, bessere Absicherung der Teilzeitbeschäftigten) ein. Während sich die bürgerlichen Parteien für eine systemimmanente Lösung stark machen, haben die Grünen und die SP die Sicherung der Rentenhöhe und die bessere Absicherung von Teilzeitbeschäftigen (insb. Frauen) im Fokus.

Sozialpartnerschaft als Fundament der 2. Säule

Das PK-Netz steht hinter der BVG-Reformvorlage. Der Bundesrat übernimmt die Eckwerte des im Sommer 2019 präsentierten Sozialpartnerkompromisses und erkennt damit die Sozialpartnerschaft als Fundament der 2. Säule an. Der Reformvorschlag sichert den Leistungserhalt und glänzt durch sozialen Fortschritt. Die Vorlage verbessert u.a. die unwürdig tiefen PK-Renten von Personen (insb. Frauen), die heute in der beruflichen Vorsorge nur ungenügend abgesichert sind (Teilzeitbeschäftigte und Tieflohnsektor).

Bevor das politische Seilziehen im Parlament richtig Fahrt aufnimmt, muss daran erinnert werden, dass die Senkung des Mindestumwandlungssatzes ohne fortschrittliche Kompensationsmassnahmen an der Urne schlichtweg chancenlos ist (vgl. 2010: 72,7% Nein zur Senkung des UWS). Die Sozialpartner als Träger und Kenner der beruflichen Vorsorge haben Massnahmen verhandelt, die aufeinander abgestimmt, fein austariert und lediglich en total zum gewünschten Resultat führen. Die politischen Parteien tun gut daran, die Interessen der Arbeitnehmenden ernst zu nehmen und das Massnahmenpaket nicht leichtfertig aufzuschnüren.

Eliane Albisser, PK-Netz Geschäftsführerin

Tätigkeitsbericht 2020