Sollen Pensionskassen riskanter anlegen?

Die kapitalgedeckte 2. Säule steckt unbestrittenermassen in der Tiefzinsfalle. Das Verhindern weiterer Renteneinbussen resp. die Verteidigung von bisherigen Leistungsniveaus kostet sehr viel Geld und verlangt von den Arbeitnehmervertretungen in den Stiftungsräten viel Courage beim Verhandeln ab. Die Stiftungsräte sind weiterhin einem massiven Druck ausgesetzt, die Parameter zu senken.In der kürzlich publizierten Pensionskassenstudie von Swisscanto werden die Veränderungen der letzten 20 Jahren bei den Finanzierungsgrundlagen sowie der Leistungserbringung eindrücklich nachgezeichnet. Bei dieser schwierigen Gemengelage liegt die Versuchung nahe, den Pensionskassen mehr Risiken aufzuschwatzen – und gleichzeitig die eigenen Produkte anzubieten. So geschehen bei der erwähnten Studie von Swisscanto, der drittgrössten Vermögensverwalterin der Schweiz. In ihrer Studie wird etwas vollmundig die Lösung aller Probleme angeboten: „Höhere Kapitalerträge bieten Ausweg aus der politischen Sackgasse.“ Verdutzt reibt man sich die Augen. Ein wenig mehr Aktien, etwas mehr Private Equity und die PK-Welt ist wieder in Ordnung? Ist es wirklich so einfach?

Hätte Swisscanto den PKs empfohlen, Anlagestrategien zu beschliessen, die ihrer tatsächlichen Risikofähigkeit und -toleranz entsprechen, und vielleicht ihnen auch noch geraten, diese Strategien da und dort effizienter umzusetzen, hätte kein Hahn danach gekräht. So aber gab es ein breites Medienecho.

Bekanntlich haben die Tiefst- und Negativzinsen dazu geführt, dass sich Vorsorgegelder vermehrt zu Aktien und zu illiquiden Sachwerten verschoben haben. Wer weiss, welche Blasen sich da gebildet haben, und wer weiss, wie die Welt aussehen wird, sollten diese platzen? Was sicher ist: Verantwortlich für den Schaden sind dann im Nachhinein die Stiftungsräte, nicht die Berater und nicht die Vermögensverwalter. Aber auch da hat Swisscanto die Antwort parat: „Dank ihrem langfristigen Anlagehorizont können die Pensionskassen die kurzfristigen Schwankungen chancenreicher Anlagen in Kauf nehmen.“ Chancenreich heisst aber eben gleichzeitig risikoreich. Fairerweise weist die Studie darauf hin, dass es für dieses Eingehen von zusätzlichen Risiken auch den Regulator brauche, damit die Pensionskassen eine längerfristige Optik einnehmen können und ihnen mehr Spielraum in Unterdeckungssituationen zugestanden wird. Aber: Erstens ging dieser Hinweis in der Berichterstattung völlig unter und zweitens ist der Regulator in den letzten Jahren genau in die andere Richtung marschiert: Die Sanierungsvorschriften wurden verschärft. Es muss heute im Unterdeckungsfall schneller und entschiedener saniert werden.

Fazit: Swisscanto will ihre Fonds an den Mann resp. die PK bringen, ansonsten nichts Neues unter der Sonne. Auch nicht überraschen mag leider der Vorschlag von Swisscanto, zur Abfederung der Renteneinbussen das individuelle Sparen in der zweiten sowie in der dritten Säule zu fördern. Wir meinen: Das weitere Aufbrechen der Solidaritäten ist einer Sozialversicherung unwürdig. Wir setzen uns für kollektive Lösungen im Interesse aller Versicherten ein.

Jorge Serra, Vize-Präsident PK-Netz

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