Das Schweizer Asset Management will sich stärker als dritter Beitragszahler in der Schweizer Vorsorge profilieren. Nur: Die Versicherten trauen dem Braten nicht. Das müsste Banken und Pensionskassen eigentlich nicht verwundern.

Die akuten Befürchtungen eines noch tieferen Abtauchens der Negativzinsenin der Schweiz werden das Vertrauen der Schweizer Bevölkerung in Vorsorgesysteme sicher nicht stärken.

Doch das Negativzinsthema hat die Raiffeisen Bank bei der Erstellung des jüngsten Vorsorgebarometers gegenüber den Befragten gar nicht angesprochen.

Mehrere Scheren tun sich auf

Das Ergebnis ist auch so ernüchternd. Das bereits tiefe Vertrauensniveau ist im Jahresverlauf weiter gesunken.

Mehrere Scheren tun sich auf: Einerseits steigt das Unbehagen gegenüber den staatlichen Systemen und die Befragten wünschen sich eine Stärkung der privaten Vorsorge.

Andererseits steigen die Erwartungen an Staat, Politik und Arbeitgeber, Massnahmen zur Schliessung drohender Vorsorgelücken zu treffen, während die ablehnende Haltung gegenüber den Reformvorschlägen mit Rentenkürzungen und höherem Pensionsalter deutlicher denn je ist.

Die Interessen sind nicht auf einer Linie

Frei interpretiert, zeigte sich anhand des Raiffeisen-Barometers ein tiefer Graben unterschiedlicher Interessen. Hüben die Vorsorgewerke, Pensionskassen und die von ihnen alimentierten Berater, Asset Manager sowie Produkteanbieter und drüben der private Beitragszahler und Versicherte.

Felix Wenger, der bei Raiffeisen den Vertrieb leitet, wies auf diesen Graben in Bezug auf das Geschäft mit der 3. Säule hin. Bei Raiffeisen liege der Fokus nun auf einer höheren Beratungsqualität, sagte er. Die Kunden verlangten jedoch in erster Linie nach kostengünstigeren Produkten mit höheren Renditen.

Eine Interessensschere tue sich hier auf, sagte Wenger: «Banken und Anbieter folgen dem Prinzip der Gewinnmaximierung. Kunden und Versicherte verlangen nach tieferen Kosten und mehr Rendite.»

Die Probleme sind bekannt

Es mag bezeichnend für die Interessenskluft im Vorsorgesystem sein, dass Raiffeisen «Kostensenkungen», «Performancesteigerung» und «Fehlanreize beseitigen» den Befragten als Möglichkeiten zur Verbesserung der Vorsorgewerke gar nicht zur Disposition stellte.

Die Probleme im Schweizer Vorsorgesystem liegen aber dort. Diesem, in vielen von finews.ch geführten Gesprächen mit Vertretern von Pensionskassen, Vermögensverwaltern und Banken gezogenen Fazit, widerspricht kaum jemand.

Falsche Anreize und Richtlinien

Zunächst die Performance und Anreize: Die Schweizer Asset-Management-Branche bemüht sich seit gut einem Jahr redlich, die Relevanz des «dritten Beitragszahlers», also der erzielten Renditen, in der Vorsorgediskussion stärker einzubringen.

Allein: Die Anlagerichtlinien für Pensionskassen sind grundsätzlich darauf ausgelegt, die Risiken im Portfolio möglichst tief zu halten. Eine Folge davon ist nun, dass Pensionskassen auch negativ rentierende Staatsanleihen kaufen.

Unsinniger Fokus auf den jährlichen Deckungsgrad

Pensionskassenmanager haben sich in den letzten Jahren darauf konzentriert, dank passiven Beta-Strategien die Verwaltungskosten zu senken. Das Alpha, also eine mögliche Outperformance, wurde angesichts des anhaltenden Börsenzyklus sträflich vernachlässigt.

Zudem nehmen die Reportingpflichten den Pensionskassen jeglichen Anreiz, mit höheren Risiken auch mehr Rendite zu erzielen. Die jährliche Messung des Deckungsgrades ist unsinnig, bedenkt man, dass Pensionskassen aus Prinzip als Langfristinvestoren operieren müssten.

4,5 Milliarden Franken Verwaltungsgebühren

Zwar haben die Pensionskassen ihre Verwaltungskosten erheblich gesenkt, doch die Kosten im gesamten System sind nach wie vor gewaltig: Laut der jährlichen Studie von Swisscanto geben die über 1’700 Pensionskassen rund 4,5 Milliarden Franken für die Verwaltung der Vermögen der Versicherten aus.

Das ist eine Summe, von der das Schweizer Asset Management sehr gut leben kann – und auch der Grund ist, warum immer mehr ausländische Finanzinstitute hierzulande ihre Fonds verkaufen. Das ist aber auch eine Summe, die zulasten der Versicherten geht – und sich massiv senken liesse.

Grösste Ineffizienz

Das Problem liegt nicht unbedingt darin, dass die Kassen rund 0,5 Prozent Vermögensverwaltungskosten veranschlagen. Das Problem ist ein systemisches und eines von grösster Ineffizienz: Die für eine verhältnismässig kleine Schweiz unverhältnismässig grosse Anzahl von Pensionskassen und Sammelstiftungen.

Mit anderen Worten: Über 1’700 Pensionskassen in der Schweiz sind ein toller Anreiz und ein gutes Geschäft für die Beraterbranche und die Asset Manager – nicht aber für die Versicherten.

Es gehört zum Einmaleins der Versicherungsmathematik, dass die Risiken für den einzelnen Versicherten abnehmen, je grösser der Pool der Versicherten wird. Je grösser die Anzahl der Beitragszahler, desto höher steigt die Risikofähigkeit der Pensionskassen.

Gut geölte Geldmaschine

Zwar hat in den vergangenen Jahren eine Konsolidierung bei den kleinen Kassen eingesetzt, doch verläuft sie zäh – die Anreize und der politische Druck fehlen.

Stattdessen wird gebetsmühlenartig vorgetragen, dass Arbeitnehmer länger arbeiten und Rentenkürzungen akzeptieren müssten, um ihre Altersvorsorge zu sichern. Das Misstrauen gegenüber diesen Reformvorstössen scheint angesichts der gut geölten Geldmaschine, welche die Vorsorgegelder am Laufen halten, angebracht.

> Link zum Artikel