Von WERNER GRUNDLEHNER, NZZ, 6.05.2019

Für Berufstätige, die über 50 Jahre alt sind, ist der Arbeitsmarkt kein Zucker- schlecken. Oft lässt die Arbeitsleistung gesundheitsbedingt etwas nach, zudem gelten ältere Arbeitnehmer als teuer. Kein Wunder, wenn ältere Angestellte bei Restrukturierungen fürchten, als Erste auf die Strasse gestellt zu werden. Wer schon nahe am 60. Altersjahr ist, wird vielleicht frühpensioniert. Das tönt besser, als es in Wirklichkeit ist.

Eine individuelle Frühpensionierung können sich in der Regel nur noch Angestellte im Hochlohnsegment leisten – abgesehen von den kollektiven Übergangslösungen in einzelnen Branchen wie dem Baugewerbe oder bei Piloten. Hier sind Überbrückungsangebote bereits vorfinanziert. Immer mehr Pensionskassen erlauben es per Reglement, ab 58 Jahren bei Stellenverlust in der Pensionskasse versichert zu bleiben, allerdings tragen die Versicherten bei diesem Modell die Beitragslasten ganz allein. Das können sich viele nicht leisten, und sie müssen Einbussen in Kauf nehmen.

Der Umwandlungssatz sinkt

Der Pensionskassenexperte Werner C. Hug weist darauf hin, dass immer zwischen Obligatorium (versicherte Löhne bis 85 320 Fr.) und Überobligatorium unterschieden wird. Im Überobligatorium fänden momentan teilweise massive Senkungen des Umwandlungssatzes (UWS) statt. Es sei deshalb ratsam, im Reglement nachzuschauen, auf welchen Zeitpunkt der UWS um wie viel gesenkt wird und welche Bedingungen daran ge- knüpft sind. «Bei Löhnen im Obligatorium ist es nicht zu empfehlen, eine Frühpensionierung vorzunehmen», sagt Hug. Die Kürzungen seien zu gross. Weiter- arbeiten lohne sich. Finde eine Entlas- sung in diesem Lohnbereich statt, dann sollte unbedingt mit dem Arbeitgeber eine spezielle Lösung gefunden werden.

Das Bundesgericht hat eine erhöhte Fürsorgepflicht bei der Entlassung von älteren Mitarbeitern etabliert. Als ältere Mitarbeiter gelten Personen über 55 Jahre. Neu ist Folgendes zu beachten: Der Arbeitnehmer hat ein Informationsrecht, er sollte also über die beabsichtigte Kün- digung informiert und angehört werden. Alternative Beschäftigungsmöglichkei- ten im Unternehmen sind zu prüfen. Sind Leistungsdefizite der Grund für die Kün- digung, so sind diese Defizite objektiv zu dokumentieren. Dem Arbeitnehmer sollte eine Frist zur Verbesserung einge- räumt werden. Mit diesen Massnahmen verhindert der Arbeitgeber eine Klage wegen missbräuchlicher Kündigung und eine mögliche Entschädigung.

Die letzten Jahre vor der Pensionie- rung sind in Bezug auf den Aufbau der beruflichen Vorsorge die wichtigsten. Die Beiträge in die Pensionskasse und die pri- vate Sparquote sind am höchsten. Im Umkehrschluss heisst das, dass jedes Jahr, in dem der Arbeitgeber – und oft auch der bis vor kurzem Arbeitstätige – keine finanziellen Beiträge mehr leistet, zu grossen Einbussen führt. Bei einer Frühpensionierung fünf Jahre vor dem Pendionsalter reduzieren sich die Altersleistungen um etwa einen Drittel.

Einkommenslücke entsteht

Bei vielen Pensionskassen liegt das frü- hestmögliche Rentenalter bei 58 oder 60 Jahren. Wer dieses Alter erreicht hat, kann die Pensionskassenguthaben als Vorsorge oder Rente vorbeziehen. Die Arbeitslosenversicherung wird jedoch beides als Einkommen anrechnen, da- durch fallen die Leistungen der Versicherung tiefer aus. Auch die PK-Rente ist tiefer als bei einer ordentlichen Pensionierung, da Beitragsjahre und Zinsen wegfallen. Die PK wird auch den Um- wandlungssatz tiefer ansetzen.

In der Zeit bis zur ordentlichen Pen- sionierung wird eine Einkommenslücke entstehen. Der vorzeitig in den Ruhestand versetzte Arbeitnehmer muss sich überlegen, wie sich diese decken lässt. Kapital aus der Säule 3a, sonstiges privates Vermögen, ein AHV-Vorbezug oder eine Überbrückungsrente aus der Pensionskasse sind die häufigsten Varianten, die von Zwangspensionierten zur Überbrückung gewählt werden.

«Für die konkrete Rentenplanung gibt es kein allgemeines Rezept – das ist sehr individuell, das Einkommensniveau ist entscheidend», sagt Urban Hodel von PK- Netz, das Versichertenvertreter in PK-Stif- tungsräten berät. Für die Mehrheit der Rentner ist die AHV gemäss Hodel das wichtigste Einkommen. Da die AHV heute kaum das Existenzminimum sichert, ist ein AHV-Vorbezug und die folgende lebenslange Kürzung nicht verkraftbar. Die Möglichkeit einer Überbrückungs- rente bei der Pensionskasse verschwinde zusehends – in der Regel aus Spargründen seitens der Unternehmen. Viele Arbeitgeber drängten ältere Arbeitnehmende in die Frühpension, seien aber nicht mehr bereit, einen Beitrag dazu zu leisten.

Beschäftigt bleiben

Noch ungünstiger sieht es aus, wenn ein Angestellter wenige Jahre vor der Pensionierung entlassen wird. Wer nicht privat so viel angespart hat, dass er die Einbussen in der Altersvorsorge auffangen kann, muss versuchen, eine neue Anstellung zu finden. Das ist leichter gesagt als getan. Gemäss dem Staatssekretariat für Wirtschaft sind ältere Personen dem Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit überproportional ausgesetzt. So ist zwar die Arbeitslosenquote der über 50-Jährigen leicht tiefer als jene jüngerer Arbeitnehmer. Jedoch sind fast die Hälfte der Gruppe, die seit mehr als einem Jahr arbeitslos ist, Personen, die 50-jährig und älter sind.

Wer beim Austritt aus der Pensionskasse noch keine neue Stelle gefunden hat, muss sein Guthaben auf ein Freizügigkeitskonto einzahlen. Dabei ist es ratsam, das Kapital an zwei verschiedene Freizügigkeitsstiftungen zu überweisen. Dies eröffnet die Möglichkeit für einen gestaffelten Bezug. Zudem ist das Kapi- tal so besser abgesichert. Auch auf einem Freizügigkeitskonto sind liquide Mittel im Fall eines Bankkonkurses nur bis maximal 100 000 Fr. pro Kunde konkursrechtlich privilegiert.

Die Rendite von Freizügigkeitseinrichtungen beschränkt sich allerdings auf die Kontoverzinsung, soweit keine Wertschriftenlösung gewählt wird. Zudem können sich diese Einrichtungen im Gegensatz zu Pensionskassen nicht sanieren, da keine Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge kassiert werden. Einkäufe in Pensionskassen sind laut Hodel langfristig sicherer und effizienter, da das Kapitalmarktrisiko kollektiv getragen wird und so über lange Zyklen abgefedert werden kann.

Findet der Entlassene wieder eine Anstellung, muss das Freizügigkeitskapital in die Pensionskasse des neuen Arbeitgebers eingebracht werden. Bleibt der Betroffene arbeitslos, muss auch die allgemeine Versicherungssituation geprüft werden. Denn in der Regel bleibt man beim bisherigen Arbeitgeber in der Pensionskasse nur einen Monat über den Austritt hinaus beitragsfrei gegen Invalidität und Tod versichert. Diese Risiken muss man zukünftig selbst versichern. Ohne Wiederanstel- lung und mit Einzahlung der Guthaben auf ein Freizügigkeitskonto ist später nur mehr der Kapitalbezug möglich.

Achtung, Steuerbehörde

Entlassene haben bei gewissen Pensions- kassen die Möglichkeit, nach Ausschei- den aus der Tätigkeit bei derselben Vor- sorgeeinrichtung versichert zu bleiben. Die Versicherten müssen dann auch die Beiträge des Arbeitgebers übernehmen. Dies können sich ohne Lohnzahlung aber nur die wenigsten leisten. Die Steuerbehörden lassen zudem solche Weiterversicherungen – angeblich, um Steueroptimierungen zu verhindern – nur während zweier Jahre zu.

Die Stiftung Auffangeinrichtung BVG hält ein Sicherheitsnetz für Arbeitslose bereit. Sie bietet eine freiwillige Versicherung von Altersleistungen für Personen, die nicht der beruflichen Vorsorge unterstehen. Damit sich die Altersvorsorge so weiterführen lässt, muss der Antrag an die Stiftung bis spätestens 90 Tage nach dem Ausscheiden aus der obligatorischen Versicherung erfolgen. Die Auffangeinrichtung bietet auch eine Altersrente nach der Pensionierung an. Im unteren Lohnbereich des Obligatoriums ist die Auffangeinrichtung laut Hug eine gute Sache. Allerdings sei sie wegen des garantierten 6,8% hohen UWS nicht billig. «Aber solange dieser Umwandlungssatz noch besteht, resultiert daraus auch eine gute Rente», fügt der PK-Experte an.

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