Seit bald fünf Jahren leben wir in Europa in der Welt der Negativzinsen. Den Reigen eröffnet hat die Europäische Zentralbank (EZB) im Juni 2014. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) zog bald nach, und schliesslich wagten auch skandinavische Zentralbanken den Schritt ins negative Territorium.

PK-Netz Tagung 2017

Wer ein normales Sparheft besitzt, kann die Folgen dieser Geldpolitik jeweils Ende Jahr besichtigen. Es ist kaum etwas hinzugekommen, und wenn man die Gebühren berücksichtigt, resultiert sogar ein Verlust. Unter diesen Umständen würde man eigentlich erwarten, dass die Sparer rebellieren würden, denn sie werden schleichend enteignet. Doch bisher ist der Protest äusserst verhalten geblieben. Man hört da und dort einmal ein kritisches Wort, aber es gibt keine Organisation, die sich mit aller Kraft für die Interessen der Sparer einsetzt, weder in der Schweiz oder in Skandinavien noch in den Mitgliedsländern des Euro.

Woran liegt das? Eine Vermutung ist, dass die Leute längst resigniert haben. Es hilft ja nichts, sich gegen die EZB aufzulehnen. Sie ist eine unabhängige Institution, die primär dafür sorgen muss, dass die Preise stabil bleiben. Das Inflationsziel liegt bei 2 Prozent, momentan beträgt die Inflationsrate in der Euro-Zone aber nur etwa 1,5 Prozent. Erst wenn die Preise stark ansteigen, ist die EZB verpflichtet, die Zinsen zu erhöhen.

Doch die Entwicklung zeigt sogar in eine andere Richtung, denn die jüngsten Konjunkturdaten deuten auf einen Abschwung hin. Wir müssen also eher mit einer erneuten Lockerung der Geldpolitik rechnen. Und solange die EZB sich nicht bewegt, bleiben die anderen europäischen Zentralbanken untätig. Immerhin hat die schwedische Zentralbank im Dezember 2018 ihre Geldpolitik etwas gestrafft, aber das macht den Braten auch nicht feiss. Die Zinsen sind nach wie vor negativ. Die ganze Situation erinnert an ein Mikadospiel, bei dem niemand freiwillig beginnen möchte, weil die Stäbchen zu ungünstig liegen.

Wahrscheinlich spielt ein zweiter Grund für den geringen Widerstand eine viel grössere Rolle: Die Gruppe der reinen Sparer ist viel kleiner, als man gemeinhin annimmt. Ein Blick auf die Vermögensverteilung in der Schweiz zeigt, dass 25 Prozent der Steuerpflichtigen gar kein Reinvermögen haben und weitere 30 Prozent eines bis maximal 50 000 Franken. Das heisst: Für mehr als die Hälfte der Steuerpflichtigen sind die Erträge aus dem Ersparten so gering, dass es zweitrangig ist, ob der Zins nun ein oder zwei Prozent höher liegt.

Nur bei der nächsten Gruppe, den Steuerpflichtigen mit einem Reinvermögen von 50 000 bis 200 000 Franken, dürften die tiefen Zinsen ins Gewicht fallen. Die Vermögen sind zu klein, um Wohneigentum zu erwerben oder das Geld gewinnbringend in Aktien anzulegen, es sei denn, man hat einmal eine Glückssträhne. 20 Prozent der Steuerpflichtigen fallen in diese Kategorie, das heisst, nur ein Fünftel der Steuerpflichtigen sind reine Sparer, die wegen der tiefen Zinsen substanzielle Einbussen erleiden.

Die besser gestellten Mittelschichten hingegen haben gelernt, mit den Negativzinsen gut zu leben. Das Wohneigentum ist in vielen Ballungszentren deutlich angestiegen. Bekannte, die nicht im Geld schwimmen, aber doch etwas auf der Seite haben, werden plötzlich Haus- oder Wohnungsbesitzer. Die obere Hälfte der Mittelschichten, die mehr als 200 000 Franken Reinvermögen hat, wird so immer mehr zu einer Schuldnergruppe, und damit verändert sich auch die Interessenlage. Diese Gruppe hat richtig Freude an tiefen Zinsen. Dass die Tiefzinsen auch die Guthaben in den Pensionskassen massiv beeinträchtigen, blenden viele aus. Manch einer hofft sogar, dass die Probleme der EZB möglichst lange dauern, damit sich die Zinsen nicht bewegen. Diese Hoffnung dürfte sich wohl erfüllen. Die Konstruktionsprobleme des Euro sind weiter ungelöst.

Dieser Vorgang ist im Übrigen alles andere als einmalig. Es gab im 20. Jahrhundert immer wieder Phasen, in denen der Zinsertrag bescheiden war, was die besser gestellten Sparer dazu veranlasste, sich stärker zu verschulden. Die Leute sind ja nicht blöd: Sie passen ihr Verhalten an, wenn sie merken, dass die alten Spielregeln nicht mehr gelten. Allerdings zeigt die historische Erfahrung auch, dass solche Phasen immer in bitteren Tränen enden. In der Schweiz haben die Zinserhöhungen der SNB zu Beginn der 1970er Jahre und in den späten 1980er Jahren manchen Hypothekarschuldner auf dem falschen Fuss erwischt.

So sei folgende Prognose erlaubt: Wenn die Zentralbanken dereinst die Zinsen wieder anheben werden, wird der Aufschrei gross sein, und viele werden von der Zeit der tiefen Zinsen schwärmen.

Tobias Straumann ist Wirtschaftshistoriker an der Universität Zürich.

 

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