Es ist schon lange kein Geheimnis mehr: Die Renten aus der 2. Säule erodieren seit einigen Jahren – zum Teil massiv. Das verfassungsmässige Ziel, mit der 1. und 2. Säule nach der Pensionierung möglichst den gewohnten Lebensstandard halten zu können, wird dadurch immer unrealistischer.

Einbussen der Renten aus den Pensionskassen bis zu einem Viertel sind an der Tagesordnung. Damit nicht genug, 2018 war für viele Pensionskassen ein sehr schlechtes Anlagejahr. Deshalb werden die Rufe nach weiteren Rentensenkungen lauter – die Jungen sollen entlastet werden. Aber wie weit können die Renten sinken, und sind es wirklich die «Jungen», die bluten?

Im Durchschnitt sinken sowohl die Umwandlungssätze wie auch die Verzinsungen für das Alterskapital, was dazu führt, dass die heutigen und zukünftigen Rentner/-innen deutlich tiefere Renten erhalten werden als die Generation davor, obwohl sich die Wirtschaft seit etlichen Jahren im Aufschwung befindet – aus unserer Sicht ein sozialpolitischer Konfliktherd, der bis heute stark unterschätzt wird. Dass die Angestellten einen Beitrag zur gestiegenen Lebenserwartung leisten sollen, ist erklärbar. Nur, darüber sprechen wir schon lange nicht mehr. Grund für den massiven Zerfall der Renten aus der 2. Säule ist die anhaltende Geldpolitik der Nationalbanken in Europa und der Schweiz. Und, es ist nicht abzusehen, bis wann wir keine Zinsen auf sichere Anlagen erhalten werden. Auch ist unverständlich, dass Pensionskassen-Gelder weiterhin mit Negativzinsen belastet werden. Ohne sichere Anlagen mit einer minimalen Rendite sind wir mit dem heutigen Pensionskassen-System kaum in der Lage, kalkulierbare Rentenversprechen abzugeben. Solange diese Unsicherheiten auf viele Aktive und starke Firmen verteilt werden können, wird das System nicht erodieren. Dies beobachten wir bei grossen Sammelstiftungen, die zum Teil überdurchschnittlich viele Erwerbstätige pro Rentenbeziehenden haben und trotzdem nach wie vor Umwandlungssätze von weit über 6 Prozent haben, und dies ohne weitere Probleme. Umgekehrt sieht das Bild bei bundesnahen Pensionskassen aus, wie zum Beispiel der Post oder den SBB. Hier haben wir pro Erwerbstätigen je eine Rentnerin, einen Rentner. Genauso ist das Bild in der Industrie, wo die Mitglieder der Angestellten Schweiz bekanntlich stark vertreten sind. Auch diese Kassen drückt die Last der hohen Rentnerbestände unbestrittenermassen. Wenn wir die Modelle und Prognosen für diese Kassen anschauen, können wir keine frohe Botschaft verkünden – Umwandlungssätze unter 5 Prozent sind bereits beschlossen oder werden ein Thema. Ist es fair, dass der markante Einfluss auf die Rentenhöhe davon abhängt, welcher Pensionskasse die Arbeitnehmenden angehören? Wir fordern deshalb, dass die bereits bestehenden Ausgleichsmassnahmen der demografischen Lasten ausgebaut werden. Die Pensionskassen wurden als Teil einer Sozialversicherung aufgebaut. Somit ist ein Lastenausgleich, der den Namen verdient, mehr als überfällig. Es kann nicht sein, dass die Angestellten die ganze Last tragen müssen, dass die Renten ins Bodenlose sinken – das Ende der Fahnenstange ist erreicht.

Die Diskussionen zur Rentenproblematik werden mit dem Argument der «Jungen» überschattet. Solche Diskussionen sind allerdings nicht neu. Bereits bei der Einführung der AHV wurde dieses Argument ins Feld geführt – heute ist man stolz darauf, mit der AHV die Altersarmut erfolgreich bekämpft zu haben und den Erwerbstätigen das wichtige Versprechen geben kann, wer ein Leben lang arbeitet, hat im Alter genug zum Leben. Mit diesem Versprechen darf nicht leichtfertig umgegangen werden. Nun trifft es für einige Kassen zu, dass die aktiven Erwerbstätigen weniger Zins auf ihr Altersguthaben gutgeschrieben bekommen, als diejenigen, die bereits in Rente sind. In guten Anlagejahren kann sich dies jedoch auch rasch ins Gegenteil wandeln – wie dies 2017 der Fall war. An der ganzen Umverteilungsdiskussion irreführend ist, dass immer von den «Jungen» gesprochen wird. Denn es sind nicht die Jungen, welche die Umverteilung finanzieren, sondern die «Alten». Weshalb? Wenn wir eine klassische Erwerbsbiografie nehmen und die Entwicklung der Altersguthaben verfolgen, zeigt sich immer ein ähnliches Bild. Im Alter zwischen 30 und 40 ist das geäufnete Kapital noch bescheiden, ab 45 beginnt es deutlich zu wachsen, um dann ab 55 steil nach oben zu schiessen – eine klassische progressive Kurve. Das heisst, von einer tieferen Verzinsung echt betroffen sind jene ab 55.

Eine Person mittleren Alters, sagen wir um die 35, hat schätzungsweise 30 000 bis 40 000 Franken auf dem Konto. Eine tiefere Verzinsung macht pro Jahr maximal einige Hundert Franken aus. Bei einer Angestellten gegen die 60 sprechen wir hingegen von einigen tausend Franken im Jahr. Dabei sind es diese Jahrgänge, die in absehbarer Zeit von wichtigen Garantien der Pensionskassen profitieren können. Ganz wertlos ist dieser Preis einer tieferen Verzinsung nicht.

Das Ausmass dieser Solidaritäten muss politisch oder im konkreten Fall im paritätischen Stiftungsrat der Pensionskasse entschieden werden. Die Diskussionen sollen jedoch nicht ideologisch geführt werden und es soll nicht mit Schlagwörtern wie die «Jungen» Stimmung gegen Rentnerinnen und Rentner gemacht werden.

Aus meiner persönlichen Sicht ist es fatal, wenn die einzige Antwort auf das Problem ist, die Renten Jahr für Jahr zu senken und den Angestellten trotz prosperierender Wirtschaft immer wieder zu erklären, dass sie im Alter einmal weniger haben werden als die vorherige Generation. Das ist toxisch und fahrlässig.

Urs Eicher, Präsident PK-Netz

 

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