Schweizer Firmen und ihre Investoren haben in vielen Bereichen der Unternehmensführung unterschiedliche Vorstellungen, wie eine aktuelle Studie zeigt.

Der Einfluss von Stimmrechtsberatern nimmt ab, der direkte Dialog zwischen dem Verwaltungsrat und Investoren gewinnt an Bedeutung. Zudem sind die Führungen von Schweizer Unternehmen und ihre Investoren in Bereichen wie der Zusammensetzung des Verwaltungsrats sowie der sozialen Verantwortung oftmals unterschiedlicher Meinung. Dies ist ein Fazit der diesjährigen Corporate-Governance-Umfrage des Unternehmens Swipra Services, die am Mittwoch in Zürich vorgestellt wurde. Die Studie beruht auf Angaben von 80 Unternehmen, die Mitglieder im Börsenindex Swiss-Performance-Index (SPI) sind, sowie 44 Vermögensverwaltern und 30 Vorsorgeeinrichtungen. Bei der Studie wurde Swipra von einem Forscher-Team der Universität Zürich unterstützt.

Umstrittene Berater

In der Umfrage zeigt sich, dass Stimmrechtsberater durchaus umstrittene Akteure sind. So sind zwar rund 73% der teilnehmenden Investoren der Meinung, dass diese Dienstleister ihre Analysen ausreichend sorgfältig erstellen. Allerdings teilen lediglich knapp 36% der Unternehmen diese Meinung.

Stimmrechtsberater geben Empfehlungen ab, wie Investoren bei Generalversammlungen (GV) von Unternehmen abstimmen sollen. Beispiele für solche Dienstleister sind die angelsächsischen Anbieter ISS und Glass Lewis. In der Schweiz ist vor allem Ethos bekannt. Nach dem Ja des Schweizervolks zur «Abzocker»-Initiative und der Inkraftsetzung der Verordnung gegen übermässige Vergütungen (Vegüv) wurde den Stimmrechtsberatern eigentlich eine wachsende Bedeutung zugeschrieben. Schliesslich müssen Pensionskassen nun an GV von Firmen zwingend abstimmen, wenn sie deren Aktien direkt besitzen.

Grosse internationale Investoren gaben in der Studie aber an, sich dabei zunehmend auf eigene Analysen zu fokussieren. 71% dieser Gruppe teilten mit, vor allem vereinheitlichte Informationen zu Governance von den Stimmrechtsberatern zu beziehen. Derweil beanspruchen 71% der befragten Schweizer Vermögensverwalter und 90% der Pensionskassen nach eigenen Angaben hauptsächlich die Abstimmungsempfehlungen der Stimmrechtsberater.

Dauerbrenner Vergütung

Die Nachfrage der Investoren nach unternehmensspezifischen Informationen steige unterdessen, hiess es weiter. Dies gelte vor allem für das Thema der Vergütung, welche für 40% der Anleger 2018 das wichtigste Thema in Gesprächen mit der Geschäftsleitung gewesen sei. Laut der Studie zeigte sich weiterhin rund die Hälfte der Investoren mit der Offenlegung zur Vergütung, vor allem mit dem Zusammenhang zwischen Leistung und Vergütung, nicht zufrieden.

Wichtige Treffen mit Verwaltungsrat

Regelmässige Treffen seien wichtig für das Vertrauen zwischen Aktionären und Verwaltungsrat, hiess es an dem Anlass. Aktionäre wollten den Zusammenhang zwischen Strategie, der Zusammensetzung des Verwaltungsrats und der Geschäftsleitung sowie den gesetzten Anreizen verstehen, sagte Barbara Heller, Managing Partner bei Swipra. Diese Transparenz fehle häufig, was für Konflikte sorgen könne.

Bei den Auswahlkriterien von Verwaltungsräten wurde die Diversität beim fachlichen Wissen sowohl von den Unternehmen (96%) als auch den Investoren (84%) als sehr wichtig eingeschätzt. Bei der persönlichen Diversität – also etwa Geschlecht, Herkunft oder Alter – offenbarten sich deutliche Unterschiede zwischen den Schweizer und den internationalen Befragten. Nur 39% der Schweizer Investoren und Pensionskassen stuften die persönliche Diversität im Verwaltungsrat als wichtig ein, bei den internationalen Investoren waren es hingegen 78%. Zwei Fünftel der internationalen Anleger befürworteten zudem eine bindende oder nichtbindende Geschlechterquote. Bei den Schweizer Investoren und Vorsorgeeinrichtungen sind es 24%.

Soziale Verantwortung im Fokus

Derweil sind 36% der befragten Investoren und 53% der internationalen Grossanleger der Meinung, dass Schweizer Unternehmen zu wenig sozialverantwortlich handeln. Die Firmen teilen diese Ansicht nicht, drei Fünftel geben an, ihr Engagement im Bereich Corporate Social Responsibility sei angemessen.

Auch bei der Einschätzung der Wirtschaftsprüfer gab es unterschiedliche Ergebnisse. Während 51% der Investoren den externen Prüfer als unabhängig erachteten, stuften 92% der Unternehmen diesen als unabhängig ein.

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