Nachhaltige Anlagen sind längst kein Nischenmarkt mehr. Zurzeit sind in der Schweiz rund 400 Milliarden Franken ökologisch und ethisch verantwortlich investiert. Mit dem Boom hat auch die Auswahl stark zugenommen. Von Fredy Hämmerli

Die Maxime von Karsten ­Guettler, Spezialist für nachhaltiges Anlegen bei UBS Asset Management, ist klar: «Geld verdienen und dabei Gutes tun». Doch das ist gar nicht so einfach. Denn was ist schon «gut» in einer zunehmend komplexen Welt? Und wie lässt sich damit eine zumindest ebenbürtige Rendite erzielen?

Die Fachleute von Swiss Sustainable Finance (SSF), einem Zusammenschluss verschiedener Schweizer Finanzdienstleister, Universitäten und öffentlicher Institutionen, kennen die unterschiedlichsten Methoden, die ein nachhaltiges Investieren ermöglichen. Ausgangspunkt ist in der Regel eine normen-basierte Analyse: Geprüft wird, ob ein Unternehmen oder ein Investment den gesetzlichen Anforderungen genügt.

Die Grundlage bilden Uno-Konventionen wie die Global-Compact-Charta, an der sich weltweit etwa 10000 Konzerne beteiligen, oder die OECD-Richtlinien für multinationale Unternehmen. Politisch umstritten ist dabei, ob eine Anlage auch den oft strengeren schweizerischen Normen, beispielsweise bei der Tierhaltung oder den Mindestlöhnen, entsprechen müssen.

Klar ist einzig, dass international geächtetes Verhalten − beispielsweise Korruption oder die Herstellung von Streumunition – darunter fallen. Doch bereits bei Kinderarbeit scheiden sich die Geister: In vielen Entwicklungsländern ist sie schon ab zehn Jahren eine Selbstverständlichkeit und für das Überleben der Familie oft unerlässlich.

Weit verbreitet ist auch die Respektierung der sogenannten ESG-Kriterien. ESG steht für «Environment, Social, and Governance», also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Beim Kriterium Governance wird geprüft, ob das Unternehmen ethisch vertretbar und transparent handelt. Die Anleger versprechen sich davon nicht nur ein gutes Gewissen, sondern langfristig auch eine Absicherung ihrer Investments. Denn wer die Umwelt schädigt, Mitarbeiter ausbeutet oder korrupte Geschäfte betreibt, muss damit rechnen, dass sein Geschäftsmodell anfälliger für Krisen ist oder irgendwann gar verboten wird. Das könnte für manch ein erfolgreiches Unternehmen das Ende bedeuten.

Einheitliche ESG-Kriterien gibt es allerdings nicht. Reicht das jeweils gesetzliche Minimum, oder braucht es darüber hinausgehende Minimalstandards? Dieser Ansicht ist beispielsweise das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), das seit 2015 ein Qualitätssiegel vergibt, das auf rigorosen Kriterien und einer nachvollziehbaren Methodik beruht.

Der Nachteil: Die Kriterien sind so streng und die mit dem Rating verbundenen Kosten so hoch, dass bis jetzt nur etwa 40 Fonds im deutschsprachigen Raum mit den ein bis maximal drei FNG-Sternen ausgezeichnet wurden. Insgesamt positionieren sich in der Schweiz laut dem Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) weit über 300 Fonds im nachhaltigen Segment. Zu erkennen sind sie oft am Zusatz «SRI» oder Sustainable: SRI steht für «socially responsible investment», also gesellschaftlich verantwortliche Kapitalanlagen. Sustainable ist die englische Bezeichnung für nachhaltig.

Tools erleichtern die Auswahl

Die deutsche Stiftung Warentest hat den Ökoworld «Ökovision Classic», den «Green Invest Equity» von Swisscanto sowie den «Sustainable Equity» von Triodos mit den Spitzenplätzen geadelt. Sie alle schliessen unter anderem die Förderung fossiler Brennstoffe und die industrielle Tierhaltung aus.

Auf der Plattform yourSRI.com des Beratungsunternehmens CSSP kann man selber aus global rund 1200 Fonds seine eigene Auswahl filtern (teilweise kostenpflichtig). Ähnliches bietet die Seite nachhaltiges-investment.org. Gibt man bei yourSRI.com die strengsten Anforderungen bezüglich Nachhaltigkeit ein, so erzielen folgende drei in der Schweiz zugelassenen Fonds ein Spitzenranking: Comgest Growth Europe, Mirova Euro Sustainable Equity sowie Pictet European Sustainable Equities.

Renditemässig liegen diese im Mittelfeld. Ihre Gebühren liegen normalerweise bei über 1% jährlich. Preislich günstiger sind Indexanlagen auf diverse Nachhaltigkeitsindizes. Die Kosten liegen bei rund 0,5%. Grösste Anbieter in Europa und der Schweiz sind in diesem Bereich UBS und iShares (Blackrock).

Meist begnügen sich die Fondsanbieter mit ESG-Ratings, bei denen spezialisierte Analysefirmen die Nachhaltigkeitspraxis bei Unternehmen bewerten. So vergibt die Firma MSCI ESG Research auf Basis der publizierten Konzerninformationen 0 bis bestenfalls 10 Punkte. Vor allem in Europa bringt das aber nur wenig: Im Durchschnitt kommen nachhaltige Fonds auf 7,2 Punkte, konventionelle aber auf immerhin 6,8 Punkte. Bei den globalen Fonds ist der Abstand mit 6,4 gegenüber 5,7 Punkten etwas deutlicher. Schwellenländerfonds kommen mit 5,1 beziehungsweise 4,6 Punkten am schlechtesten weg.

Viele Finanzdienstleister verfolgen gestützt auf diese Daten einen «Best-in-Class»-Ansatz. Sie erheben keinen absoluten Anspruch auf eine minimale Qua­lität, sondern suchen nur die vergleichsweise Besten (oder am wenigsten Schlechten) aus einer Branche heraus. Das allerdings kann zur Folge haben, dass ein ökologisch motivierter Anleger Aktien eines Ölmultis oder eines Kohleförderers in seinem Depot vorfindet, nur weil dieser die Umwelt etwas weniger verschmutzt als seine Konkurrenz.

Branchen ganz ausschliessen

Manche Vermögensverwalter und Fondsmanager arbeiten darum mit harten Ausschlusskriterien: Sie verzichten auf Investments in Branchen, die ihren ökologischen oder ethischen Kriterien nicht entsprechen. Am häufigsten fallen die Waffen-, die Tabak und die Nuklearindustrie darunter. Oft trifft der Bann aber auch Verletzungen von Menschen- und Arbeitsrechten, Pornografie, Glücksspiel, Gentechnologie, Korruption, Kohle, Alkohol sowie Tierversuche.

Doch auch hier gehen die Meinungen auseinander: Sind Waffen zur Selbstverteidigung gleich zu behandeln wie Angriffswaffen? Und was ist mit «Dual Use»-Gütern, die sowohl militärisch als auch zivil genutzt werden können? Betrifft das Verbot von Tierversuchen nur Wirbeltiere oder auch Insekten und Weichtiere? Und rechtfertigt der heutige, alltägliche Nutzen von gentechnisch produzierten Lebensmitteln deren theoretisch in der Zukunft liegenden Schaden?

Dem Dilemma entfliehen die meisten Finanzdienstleister, indem sie ihren Kunden eine breite Palette an Möglichkeiten anbieten, ihnen den Entscheid letztlich aber überlassen. Oder positiv ausgedrückt: «Wir wollen unseren Analysten und unseren Kunden helfen, selbstverantwortlich die für sie richtige Auswahl zu treffen», umschreibt Chris­topher Greenwald, Leiter Sustainable Investment Research & Stewardship bei UBS Asset Management, die hauseigene Philosophie. «Wir halten es eher mit positiver Überzeugungsarbeit als mit Befehlen, Verboten oder harten Ausschlusskriterien», sagt Greenwald.

UBS Asset Management baut ESG-­Informationen als Teil der finanziellen Empfehlung in den Research- und In­vest­ment-Prozess des gesamten aktiven Anlageuniversums ein. Zusätzlich werden spezielle ESG-Produkte lanciert. Zum Angebot gehört seit ein paar Mo­naten gar ein Gender-Indexfonds, der ­geschlechtsneutrales Verhalten belohnt und darauf baut, dass Unternehmen, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern und Frauen dadurch im Erwerbsleben halten, nachhaltig bessere Ergebnisse liefern. Damit berücksichtigt die UBS auch, dass «vor allem Frauen, Jüngere und überdurchschnittlich gut Gebildete sich für nachhaltige Anlagen interessieren», wie IFZ-Studienleiter Manfred Stüttgen festgestellt hat.

Die höchste, aber auch anspruchsvollste Stufe einer nachhaltigen Anlagestrategie ist das sogenannte Impact-Investing. Dabei investiert man direkt in Unternehmen, die explizit einen messbaren Nutzen für die Umwelt oder das Wohlbefinden der Menschheit schaffen wollen. Dafür eignen sich beispielsweise Fonds zu den Themen Wasser, erneuerbare Energien sowie Energieeffizienz, Landwirtschaft, Gesundheit oder auch Klimaschutz.

Allerdings reduzieren reine Themenfonds das Anlageuniversum so stark, dass die Rendite darunter zu leiden droht. Zudem unterliegen die oft exponierten Unternehmen in den jeweiligen Fonds meist starker staatlicher Kontrolle. Änderungen bei der Förderungspolitik oder staatliche Einschränkungen bringen kaum kalkulierbare Risiken mit sich.

Besonders krass zeigte sich das an der deutschen Photovoltaik-Firma Solarworld: Wer im Mai 2003 für 6000 € Solarworld-Aktien erwarb und diese im Oktober 2007 wieder verkaufte, war dank einem Wertzuwachs von 18 000% innerhalb von viereinhalb Jahren zum Millionär geworden. Wer Ende Oktober 2007 für 6000 € Solarworld-Aktien kaufte, bekam Ende März 2012, ebenfalls viereinhalb Jahre später, noch 314 € ­dafür. Heute sind sie praktisch wertlos.

Grosse Differenz bei der Rendite

Das Einzelrisiko versuchen Fondshäuser und Vermögensverwalter zu minimieren, indem sie auf Multi-Themen setzen. Aber auch da stellt sich die Grundsatzfrage nach der Performance. Denn die erzielten Renditen gehen weit auseinander (siehe Tabelle): So schaffte der für Neuinvestitionen geschlossene Lombard-Odier-Fonds «Generation Global» über die letzten drei Jahre eine jährliche Rendite nach Kosten von 17%, was auch die hohen TER-Gebühren (Total Expense Ratio) von 3,14% rechtfertigt. Der MSCI World erzielte in derselben Periode eine Rendite von knapp 10%.

Wie wichtig die Selektion des richtigen Fonds ist, zeigt sich bei den Schlusslichtern: Schlecht schnitten vor allem Fonds mit Fokus auf alternative Energien ab, die unter dem Entzug von Anreizen für die Solarindustrie in vielen Ländern litten. Aber auch sehr aktiv verwaltete Fonds wie der «Futura Global Stock» von Raiffeisen griff manchmal daneben.

Eher auf der sicheren Seite bewegen sich nachhaltige, börsengehandelte In­dexfonds (ETF): Der UBS «ETF MSCI World SRI» brachte seit 2010 über 100% Rendite – und dies bei einer vergleichsweise bescheidenen TER von 0,38%. «Der Nachhaltigkeitsindex lag in den letzten drei Jahren leicht über dem MSCI World als Gesamt-Benchmark», sagt Anna Doukakis, Analystin beim VZ Vermögenszentrum.

Lange Jahre standen nachhaltige Anlagen im Ruch, zwar gut für das Gewissen, aber schlecht für das Portemonnaie zu sein. Doch das hat sich geändert. Beobachtungsreihen über zehn Jahre und mehr haben gezeigt, dass nachhaltige Anlagen nicht oder nur ganz minim schlechter rentieren als konventionelle Anlagen. Auch eine Metastudie von SSF und der Universität Zürich kommt zum Schluss, dass kaum ein Unterschied festzustellen ist (vgl. Grafik).

Das scheint vielen Anlegern zu genügen. Nachhaltige Anlagen wachsen in der Schweiz doppelt so rasch wie herkömmliche. Zurzeit erreicht das Volumen der nachhaltig orientierten Investments 400 Mrd. Fr. – im Jahr 2010 waren es erst 50 Mrd. Fr. Bei der UBS, dem grössten Vermögensverwalter auch im Nachhaltigkeitssegment, sind es weltweit schon über 1 Bio. Fr.

Aus dem NZZ-E-Paper vom 30.09.2018