Finanzielle Lage der Vorsorgeeinrichtungen im Jahr 2015
Rückläufige Deckungsgrade aufgrund Renditeeinbruch – Warnsignal für die kommenden Jahre – Tendenz zu vorsichtigeren Bewertungen hält an.

Die Risiken, welchen Schweizer Vorsorgeeinrichtungen ausgesetzt sind, haben im 2015 aufgrund des schwierigen Finanzmarktumfelds und der weiter steigenden Lebenserwartung zugenommen. Die durchschnittliche Netto-Vermögensrendite betrug nur noch 0.8% (gegenüber 6.4% im Vorjahr). Die Deckungsgrade haben sich im Durchschnitt um rund 2.4%-Punkte reduziert, wozu auch die vorsichtigere Bewertung mit tieferen technischen Zinssätzen beigetragen hat. Einen Rückschlag erlitten hat auch die Kapitalisierung der öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie.

Bern, 10. Mai 2016. Die Oberaufsichtskommission Berufliche Vorsorge (OAK BV) hat im Rahmen der Vorstellung ihres vierten Tätigkeitsberichtes wiederum die aktuellen Zahlen zur finanziellen Lage der Vorsorgeeinrichtungen präsentiert. Die für die ganze Schweiz einheitliche und risikoorientierte Früher- hebung ermöglicht eine aktuelle Gesamtsicht über die finanzielle Lage des Systems der beruflichen Vorsorge mit Stichtag 31. Dezember 2015. Die Erhebung wird in enger Koordination mit den regiona- len und kantonalen BVG-Aufsichtsbehörden durchgeführt. Bis Mitte April 2016 haben rund 93% (wie im Vorjahr) der Schweizer Vorsorgeeinrichtungen mit einer Bilanzsumme von 864 Milliarden Franken (Vorjahr: 822 Milliarden Franken) den Fragebogen der OAK BV ausgefüllt.

Aktuelle Lagebeurteilung

2015 war finanziell betrachtet ein eher schwieriges Jahr für die Vorsorgeeinrichtungen: Die durch- schnittliche Netto-Vermögensrendite betrug 0.8% (gegenüber 6.4% im Vorjahr). Der nach Vorsorge- kapital gewichtete durchschnittliche Deckungsgrad mit einheitlichen Grundlagen der Vorsorgeeinrich- tungen ohne Staatsgarantie betrug Ende 2015 105.1% (Vorjahr: 108.5%). Bei den Vorsorgeeinrich- tungen mit Staatsgarantie sank der Deckungsgrad mit einheitlichen Grundlagen von 77.8% auf 76.1%.

Per Ende 2015 wiesen damit 87% (Vorjahr: 89%) der privatrechtlichen und öffentlich-rechtlichen Vor- sorgeeinrichtungen ohne Staatsgarantie einen Deckungsgrad von mindestens 100% aus. Der ent- sprechende Anteil bei den öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie betrug le- diglich 14% (Vorjahr: 27%). Diejenigen öffentlich-rechtlichen Vorsorgeeinrichtungen mit Staatsgarantie im System der Teilkapitalisierung, die den vom Gesetz verlangten Zieldeckungsgrad von 80% noch nicht erreicht haben, werden ihre Planungsgrössen anpassen müssen.

Vorsichtigere Bewertungen – weitere Senkung des technischen Zinssatzes

Positiv zu werten ist, dass als Reaktion auf das veränderte Umfeld viele Schweizer Vorsorgeeinrich- tungen Massnahmen getroffen und ihre für die Bewertung der Verpflichtungen verwendeten techni- schen Zinssätze weiter gesenkt haben. Gesenkt wurden vielfach auch die zukünftigen Umwandlungs- sätze, und teilweise wurden auch andere Leistungsanpassungen vorgenommen. Zur Berücksichtigung der steigenden Lebenserwartung verwenden beispielsweise immer mehr Vorsorgeeinrichtungen Ge- nerationentafeln anstelle von gesonderten technischen Rückstellungen. Bei vielen Vorsorgeeinrich- tungen werden weitere Anpassungen auf der Leistungsseite und der Finanzierungsseite indes unver- meidbar sein.

Finanzierungslücke bleibt unverändert bestehen

Trotz risikosenkender Massnahmen vieler Vorsorgeeinrichtungen haben sich die Risiken insgesamt erhöht. So verbleiben auch die Zinsversprechen, welche den Altersleistungen zu Grunde liegen, im Durchschnitt höher als die für die Bewertung der Verpflichtungen von der Vorsorgeeinrichtung ver- wendeten technischen Zinssätze. Diese Differenz ist im Gesetz nicht vorgesehen und kann bisher auch nicht durch paritätische Beiträge vorfinanziert werden. Im Vergleich zu realistisch zu erwarten- den Renditen sind die Zinsversprechen als hoch zu bezeichnen. Mit zukünftigen Vermögenserträgen nicht finanzierbare Renten können im Nachhinein nicht mehr gekürzt werden, sondern müssen von Arbeitgebern und Versicherten nachfinanziert werden.

Warnsignale für die kommenden Jahre

Nach den vergangenen sehr guten Anlagejahren fielen die Renditen im Jahr 2015 ernüchternd aus, waren aber für das Gros der Vorsorgeeinrichtungen gerade noch verkraftbar. Für die kommenden Jahre stellen sich jedoch einige zusätzliche Herausforderungen:

So werden risikoarme Anlagen wie Bundesobligationen in den nächsten Jahren aufgrund der sehr tiefen respektive negativen Zinsen praktisch keinen oder sogar einen negativen Beitrag an den Anlageertrag leisten. Auch die oft gut rentierende Anlagekategorie der Immobilien bietet nach den Bewer- tungssteigerungen der vergangenen Jahre nur noch eine reduzierte Rendite. Die Aktienmärkte wiede- rum bleiben volatil und damit anfällig auf Kursverluste infolge unsicherer ökonomischer Zukunftsaus- sichten. Es ist deshalb unwahrscheinlich, dass das Ertragsniveau der Vorjahre gehalten werden kann. Vielmehr kann das abgelaufene Jahr als Warnsignal für die kommenden Jahre gedeutet werden.

Es ist davon auszugehen, dass die Deckungsgrade durch die andauernde Phase der extrem tiefen, zum Teil negativen Zinsen weiter sinken werden. Gleichzeitig bleiben die Zinsversprechen hoch und die laufenden Renten können aufgrund des geltenden Rechts nicht mehr reduziert werden. Dies verstärkt die Tendenz zu weiteren Reduktionen der Deckungsgrade und damit zu weiteren Senkungen der künftigen Umwandlungssätze.

Massnahmen zur Verminderung der Risiken müssen von den obersten Organen der Vorsorgeeinrichtungen getroffen werden. Angesichts des extrem tiefen Zinsniveaus und der stetigen Erhöhung des Rentenanteils sind indes auch weitere Kreise aus Wirtschaft und Politik gefordert, um realistische und für alle Beteiligten tragbare Lösungen zu ermöglichen.

Ausblick der OAK BV

Die Anforderungen an die risikoorientierte Führung und die risikoorientierte Aufsicht sind weiter zu verstärken. Ziel ist insbesondere die Verbesserung der Qualität, des Informationsgehalts und der Vergleichbarkeit des Gutachtens des Experten für berufliche Vorsorge. Weiter sollen neu bestimmte Risi- kokennzahlen jährlich vom Experten zuhanden des obersten Organs berechnet werden müssen.

Die OAK BV wird zudem Massnahmen zur Qualitätssicherung bei den Revisionsstellen ergreifen. Ziel ist es, eine Qualitätsverbesserung bei der Tätigkeit der Revisionsstellen zu erreichen. Hierfür werden Massnahmen insbesondere im Bereich der Fachkenntnisse (ausreichende praktische Tätigkeit) und der Unabhängigkeit der Revisoren (Rotation) angestrebt.