Werden die Klimaziele eingehalten, droht Banken und Versicherern ein Verlust von bis zu 400 Milliarden Dollar. Der Grund: Die Reserven der Rohstoffkonzerne sind massiv überbewertet.

Von Andreas Möckli, Tagesanzeiger, 06.03.2014

Experten warnen vor einem Crash, der die Dimension der Finanzkrise von 2008 annehmen könnte. Die Rede ist von einer «carbon bubble», auf Deutsch: CO2- oder Rohstoffblase. Diese entsteht deshalb, weil Rohstoffkonzerne viel mehr Öl und Kohle verbrennen wollen, als dies die Klimaziele erlauben. Können sie das nicht, haben ihre Rohstoffreserven einen viel tieferen Wert als effektiv in den Büchern ausgewiesen.

Bis 2050 dürfen noch knapp 900 Gigatonnen CO2ausgestossen werden, soll die Erderwärmung nicht stärker als um zwei Grad ansteigen. Werden jedoch sämtliche nachgewiesenen Kohle-, Öl- und Gasreserven verbrannt, würden 2860 Gigatonnen CO2 in die Luft geblasen. 

Laut der Nichtregierungsorganisation Carbon Tracker Initiative kann das nur zwei Folgen haben. Entweder wird sich die Erde weit deutlicher erwärmen als um die ohnehin schon klimaschädlichen zwei Grad. Oder ein grosser Teil der Rohstoffreserven, die Unternehmen und Staaten gesichert haben, können nicht genutzt werden und sind damit wertlos.

Warnungen von prominenter Seite

Die Konsequenz daraus: Öl- oder Kohleförderfirmen sind an der Börse massiv überbewertet. Laut einer Studie der britischen Bank HSBC könnten Unternehmen wie Shell, BP, Eni oder Statoil 40 bis 60 Prozent ihres Marktwerts verlieren. Der frühere US-Vizepräsident Al Gore spricht in diesem Zusammenhang von einer Blase und glaubt, dass sie platzen werde. Auch von offizieller Warte wird gewarnt: Die Bank of England macht eine Gefahr für die Stabilität des Finanzmarkts aus. 

Die «carbon bubble» beschäftigt mittlerweile auch das Europaparlament. Heute wird in Brüssel eine Studie vorgestellt, die sich mit den Folgen für die Finanzindustrie auseinandersetzt, schreibt das deutsche «Handelsblatt». Die Studie wurde von der Grünen-Partei in Auftrag gegeben. Die Autoren schätzen, dass die Banken in der EU mit rund 460 Milliarden Euro in Unternehmen investiert sind, die in der Öl-, Gas- oder Kohleförderung tätig sind. Versicherer und Pensionskassen sind mit weiteren 560 Milliarden Euroengagiert. Würde das Zwei-Grad-Ziel von der Politik konsequent umgesetzt, droht der Finanzindustrie laut der Studie ein Verlust von 400 Milliarden Euro.

Vor der Blase warnen nicht nur Umweltschutzaktivisten wie Al Gore, sondern auch Banken, Ratingagenturen oder prominente Investoren wie Jeremy Grantham. Die Citibank schreibt, dass die australische Kohleindustrie wenig gegen den Wertverlust ihrer Rohstoffreserven tun könne. Falls das Blasenszenario eintreffen sollte, sieht die Bank kaum Möglichkeiten, wie dieses Risiko entschärft werden könnte. Und die Ratingagentur Standard & Poor’s droht, dass die Überbewertung der Reserven in den nächsten Jahren zu einer tieferen Kreditwürdigkeit der Rohstoffkonzerne führen könne.

Massive Investitionen in Rohstoffabbau

Die Industrie reagiert bisher nicht auf die Warnungen der Experten. Noch immer werden massive Summen investiert, um die Rohstoffreserven zu heben. Allein 2012 haben die 200 grössten Energieunternehmen rund 674 Milliarden Dollar dafür ausgegeben. Gleichzeitig wird die Branche immer bedeutender. Während der Anteil der Öl-, Gas- oder Kohlekonzerne im wichtigsten britischen Aktienindex FTSE 100 Anfang der 2000er-Jahre rund zehn Prozent betrug, beläuft er sich mittlerweile auf ein Drittel. Da viele Investoren Börsenindizes nachbilden, wird der Anteil von Rohstoffkonzernen in den Depots von Fonds oder Pensionskassen immer grösser. 

Es gibt aber auch Ausnahmen. Der Fonds von Investor Jeremy Grantham steht entsprechend seiner eigenen Warnung kurz davor, sich aus Unternehmen zurückziehen, die Kohle oder Teersand fördern. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Firmen in Schwierigkeiten geraten, ist für ihn als Anleger ein zu grosses Risiko. 

Um das Problem zu entschärfen, hat Al Gore in einem Beitrag im «Wall Street Journal» mehrere Vorschläge gemacht. Erstens sollten Investoren das CO2-Risiko in ihren Portfolios identifizieren. Auch wer sein Geld in Fonds angelegt habe, solle genauer hinschauen, empfiehlt der frühere US-Vizepräsident. Zweitens müssten die Chefetagen der Rohstoffkonzerne dazu gedrängt werden, Pläne vorzulegen, wie sie mit dem Problem der Überbewertung ihrer Reserven umgehen wollten. Und drittens sollten Anleger aus CO2-intensiven Firmen aussteigen. Gore ist sich der Schwierigkeit dieses Unterfangens bewusst. Die Umschichtung eines grossen Portfolios werde mehrere Jahre dauern.

 

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