Im Ausland machen sich viele institutionelle Investoren Gedanken, wie sich eine verschärfte Klimapolitik auf ihre Anlagen auswirken würde. In der Schweiz ist dies bis jetzt nicht der Fall.

NZZ, von Michael Schäfer, 

Manchmal scheint es, als sei die Schweiz doch eine Insel, auf der man sich von den anderswo teilweise hitzig geführten Diskussionen hin und wieder etwas abschotten kann. Was im Einzelfall nachvollziehbar sein mag, wirkt eher befremdlich, wenn es um Risiken bei Finanzanlagen geht, in die Milliardenbeträge investiert sind. Dies trifft zu auf die Diskussion um die sogenannte CO2-Blase («carbon bubble») und grosse Vermögenswerte, die wertlos zu werden drohen («stranded assets»).

Intensivierte Diskussion

Diese Debatte wurde 2011 durch die Nichtregierungsorganisation Carbon Tracker intensiviert. Sie rechnet Investoren seither vor, was es für im Bereich fossiler Energien tätige Firmen bedeutet, wenn die Erderwärmung auf zwei Grad seit Beginn der Industrialisierung begrenzt werden soll. Diese Argumentationslinie wurde inzwischen durch andere Analytiker wie die des Research-Anbieters Kepler Cheuvreux oder der Bank HSBC unterstützt.

Da zur Erreichung dieses Ziels der CO2-Ausstoss bis 2050 massiv reduziert werden muss, dürfte ein grosser Teil der Vorkommen an Erdöl, -gas und Kohle nicht gefördert werden. Energiefirmen, in deren Bilanzen diese stehen, müssten Milliardenbeträge abschreiben. Zudem würde die gedrosselte Nachfrage nach fossilen Brennstoffen deren Preise drücken, was die schon heute nicht mehr fürstlichen Margen der Energieunternehmen weiter schrumpfen liesse.

Vom Markt bis jetzt ignoriert

Einig ist sich die Mehrheit der Analytiker, dass sowohl die Preise der fossilen Energieträger als auch die Aktienkurse der betroffenen Firmen dieses Szenario nicht reflektieren. Die Märkte setzen vielmehr darauf, dass es nicht eintreten wird und die Energiefirmen ihre Reserven wie geplant fördern und profitabel verkaufen werden. Die Zahl der Investoren nimmt jedoch zu, die die Gefahr ernst nehmen und bereits Massnahmen dagegen ergriffen haben.

Vom Dialog bis zur Desinvestition

Diese reichen von einem Dialog mit Energiefirmen zu den Strategien, mit denen sie der Herausforderung begegnen wollen, über eine Untergewichtung der Wertpapiere bis zu deren Ausschluss aus dem Portfolio. Zu den Investoren, die Energietitel teilweise oder gänzlich aus ihren Anlagen verbannt haben, zählen Stiftungen wie die Rockefeller Foundation (die ein einst mit Erdöl verdientes Vermögen verwaltet), Universitäten wie Stanfordoder Staatsfonds wie AP2 in Schweden.

Aber auch die Zahl der Pensionskassen wächst, die sich zu diesem Schritt entschlossen haben. Jüngst kündigte der grösste norwegische Pensionsfonds, KLP, an, Gelder aus Firmen zurückzuziehen, die ihre Erträge mehrheitlich mit Kohle erzielen. Bei Titeln von Erdöl- und -gasfirmen unterliess KLP den Schritt dagegen, weil man befürchtet, dass dies sogar künftige Renditen beeinträchtigen könnte. Die französische Pensionskasse Erafp hatte bereits zuvor mitgeteilt, den Anteil von Investments, die einen grossen «CO2-Fussabdruck» verursachen, zu senken. Begründet werden die Massnahmen meist mit der Absicht, die für Dritte verwalteten Gelder vor Finanzrisiken schützen zu wollen.

Schweizer Institutionelle noch passiv

In der Schweiz ist die Diskussion um die CO2-Blase bei institutionellen Investoren noch nicht angekommen. Einzelne wie die Nest-Sammelstiftung haben die Papiere von Firmen aus dem Bereich fossiler Energien seit je gemieden und sind von der Thematik nicht betroffen. Bei der grossen Mehrheit der Investoren, in deren Portfolios diese ein wichtiger Teil der Aktienanlagen sind (im Weltindex MSCI World machen sie 10% aus), hat sie bisher wenig bewegt.

Von der NZZ befragte Anbieter wie Notenstein, RobecoSAM, Swisscanto oder ZKB spüren keine erhöhte Nachfrage nach Lösungen, die die Problematik berücksichtigen. Zudem scheint es nur wenige Investoren zu interessieren, wie stark ihr Portfolio davon betroffen wäre. Dies deckt sich auch mit der Beobachtung, dass bisher kein Schweizer Investor dem Montreal Carbon Pledge beigetreten ist. In diesem haben sich bis jetzt 20 Firmen mit verwalteten Vermögen von mehreren hundert Milliarden Franken dazu verpflichtet, den «CO2-Fussabdruck» ihrer Portfolios zu messen und zu veröffentlichen.

Initiative von Versicherten

Nicht immer kommt die Initiative für ein Handeln von den Investoren selbst. In Dänemark etwa wurde der Pensionsfonds Unipension von Mitgliedern aufgefordert, Anlagen in fossile Energie abzubauen. Auch davon ist man hierzulande wohl noch weit entfernt.

NZZ